Texts

Axel Winter (1989 geboren in Heidenheim an der Brenz, lebt und arbeitet in Halle (Saale)) verortet seine ungegenständliche Malerei im Spannungsfeld relationaler Bildstrukturen. Im Zentrum seiner Praxis steht die Untersuchung des Verhältnisses einzelner Bildelemente zueinander sowie zu einem übergeordneten, systemisch gedachten Bildganzen. Ausgangspunkt ist die Auseinandersetzung mit antagonistischen Prinzipien wie Kontrolle und Kontingenz, Genügsamkeit und Überfluss, die als produktive Gegensätze ins Bild gesetzt werden. Durch den Einsatz klar konturierter Formen, scharfer Kanten und starker Kontraste werden die Module in ihrer Autonomie hervorgehoben, zugleich aber in ein komplexes Beziehungsgefüge eingebunden. Winter etabliert innerhalb seiner Bildarchitektur Regelwerke, die im Verlauf des malerischen Prozesses gezielt unterlaufen werden. Diese Strategien erzeugen Verschiebungen im kompositorischen Gefüge, die normative Erwartungshaltungen adressieren und zugleich subvertieren. Bildimmanente Strukturelemente wie gemalte Rahmen oder Sockel fungieren als visuelle und konzeptuelle Markierungen von Halt, Begrenzung und Kontrolle, reflektieren jedoch zugleich deren Fragilität. Reduktion, Fragmentierung und die bewusst ausschnitthafte Anlage der Bildteile eröffnen ein Feld potenzieller Variationen, in dem Wiederholung, Differenz und Varianz als gestalterische Prinzipien wirksam werden. Winters Werke verhandeln somit nicht nur Fragen bildimmanenter Ordnung, sondern artikulieren ein reflexives System, das im Wechselspiel von Struktur und Störung, Erwartung und Abweichung ästhetische Erfahrung als offene, prozesshafte Konstellation erfahrbar macht.
Text: Tim Cierpiszewski

Die Perspektive, aus der Bilder aus Einzelteilen bestehende Beziehungsgeflechte sind, bildet den grundlegenden Ansatz meiner Arbeiten. Durch den Einsatz klar konturierter Formen, scharfer Kanten und starker Kontraste mache ich die Einzelteile als solche sichtbar, unterstreiche deren Eigenschaft als Individuen, deren Autonomie im systemisch gedachten Bildganzen und setze sie in Beziehung zueinander und zum gesamten Bildgefüge. Dabei sind die Einzelteile genauso wichtig wie das ganze System.

Meine Bilder sind Ausdruck einer Suche nach Vereinbarkeiten und Abgrenzungen der Bildmodule untereinander. Bei ihrem Aufeinandertreffen bzw. zwischen ihnen entstehen ganz unterschiedliche Situationen, Momente und Vereinbarungen. Sie verhalten sich zueinander. In diesem Sinne steht die Untersuchung des Verhältnisses einzelner Bildelemente zueinander, sowie zu einem übergeordneten, ganzheitlichen Beziehungsgefüge im Zentrum meiner bildnerischen Praxis.

Weiterer Ausgangspunkt ist die Auseinandersetzung mit antagonistischen Prinzipien wie Kontrolle und Kontingenz, Ordnung und Unordnung, die als produktive Gegensätze ins Bild gesetzt werden. Auf diese Weise versuche ich Reibung zu erzeugen und Bildkonstellationen wachsen zu lassen. So etabliere ich innerhalb meiner Bildarchitektur Regelwerke, die im Verlauf des malerischen Prozesses gezielt unterlaufen werden. Diese Strategien erzeugen Verschiebungen im kompositorischen Gefüge. Es ergeben sich Ungereimtheiten und Abweichungen zwischen den Bildmodulen des Bezugssystems und in der Folge verweigern sich meine Bilder einer perfekt abgemessenen Komposition ebenso wie der Vollkommenheit, obwohl Kontrolle in meinen Arbeiten eine große Rolle spielt. Es bleibt immer etwas übrig. Oft ist etwas nicht ganz ausgeführt, eine Kante nicht ganz gerade, eine Linie nimmt einen anderen Weg als erwartet, Bildmodule sind nicht dem angelegten Raster getreu angeordnet oder werden hinzugefügt, obwohl sie im restlichen System der Komposition nicht vorgesehen zu sein scheinen. Auf diese Weise adressiert meine Arbeit normative Erwartungshaltungen und untersucht die Wirkweisen und den Spielraum der von mir aufgestellten Regeln, sowie das Spannungsfeld zwischen durch das Befolgen der Regeln hervorgerufenen Erwartungen und deren Enttäuschung bzw. Überraschung.

Das Phänomen der Kontrolle zieht sich durch mein künstlerisches Interesse. Kontrolle wird sowohl in der Sorgfalt als auch im Regelwerk meiner Bilder sichtbar und doch gibt es immer wieder Flächen, auf denen Farbe in ihrer flüssigen Konsistenz frei gelassen wird. Das sind Stellen des Loslassens und Stellen, die von Kontingenz und Zufall bestimmt werden. An diesem Punkt spielt auch die Oberflächenbeschaffenheit meiner Bilder eine zentrale Rolle. Nicht nur die Komposition und Zusammenführung von Bildteilen, sondern auch deren Oberflächen oder deren Bildhaut (zB. glänzend oder matt) bestimmen ihre Wechselwirkungen. Die unterschiedlichen Farbmaterialien und Malmittel reagieren aufeinander. Die Eigenschaften des Materials bestimmen so auch inwiefern, an welcher Stelle und in welchem Flüssigkeitszustand sie verwendet werden können, um Kontrolle und Kontingenz sichtbar werden zu lassen.

Genügsamkeit interessiert mich aus konzeptueller wie gestalterischer Sicht. Ich wähle dafür klare Formen, simpel und übersichtlich, um unterschiedliche Möglichkeiten ihrer Einzelgestaltungen und Kombinationen zu entdecken. Auch zeigt sich die Genügsamkeit, gelesen als Reduktion, in der ausschnitthaften Darstellung der einzelnen Bildteile. Diese sind deshalb immer nur wie eine kleine Vorschau zu etwas Größerem angelegt. Sie stehen als mehrere kleine Bilder im Bezugssystem des gesamten Formats. Ihr malerischer Inhalt kann sich nur soweit ausbreiten, bis er von den Kanten begrenzt wird. Diese bewusst ausschnitthafte Anlage von Bildteilen, Fragmentierung des Bildaufbaus und die Reduktion an sich eröffnen ein Feld potenzieller Variationen, in dem Wiederholung und Differenz als gestalterische Prinzipien wirksam werden.

Aufgrund ihrer Ursprünglichkeit, Simplizität und Sterilität sind für mich Farbverläufe als Mittel für Reduktion besonders interessant. Sie bezeichnen die Stelle der Entstehung, an der zwei Farben etwas Neues, Interessantes gestalten können. Verläufe können einfach und geradlinig sein, doch kommt beim händischen Malen immer etwas eigendynamisches, emotionales hinzu.

Bildimmanente Strukturelemente wie gemalte Rahmen oder Sockel fungieren in meinen Arbeiten als visuelle und konzeptuelle Markierungen von Halt, Begrenzung und Kontrolle, reflektieren jedoch zugleich deren Fragilität. Die Beziehung eines gemalten Sockels zu einem direkt angrenzenden Bild im Bild ist durch die haltende und unterstützende Rolle des Sockels charakterisiert. Ein gemalter Rahmen gibt dem Innenraum des Bildes eine Begrenzung und verleiht Kontrolle, über die Stelle an der das Bild „endet“.

In meinen Arbeiten verhandle ich somit nicht nur Fragen bildimmanenter Ordnung, sondern die Bilder artikulieren ein reflexives System, das im Wechselspiel von Struktur und Störung, Erwartung und Abweichung, Sterilität und Emotion ästhetische Erfahrung als offene, prozesshafte Konstellation erfahrbar machen kann.

Text: Axel Winter

Not quite

Back and forth. Rhythm.
The one and the other.
The interplay.
It all starts with two.

What happens when control and release come together? When order and disorder, stability and change encounter each other. How do different elements of a painting interact with each other? Contradiction and dissent can often be more interesting and versatile than connections.

Although control plays a major role in Axel Winter’s works, the paintings refuse a perfectly measured composition or completeness. There is always something left hanging. There is always something not quite finished, an edge not quite straight, the relative position of the elements of the Painting not exactly in tune or one element in an unexpected Position. As a result, some expectations remain unfulfilled and there is discord and sometimes awkwardness between the elements of the frame of reference in the painting. Thus the individual elements are equally as important as the entire system. To all intents and purposes a system is something consisting of a number of individual parts, all of which strive towards a common goal.

The paintings are an expression of a search for compatibility of and delineation between the individual elements. As they collide in the space between them, different situations, moments and arrangements arise. In support of and in addition to these stories within the painting is the discourse with the image frame, the pedestal and the picture within the picture.

The surface texture plays a central role in the paintings. The different colour materials and painting media react with one another. The characteristics of these materials also determine where and in what state of liquidity they can be used to make phenomena such as release and control visible. In the same way these two phenomena form their inherent contrast, areas, in which colours fade into one another, providing a contrast to hard edges and monochrome shapes. At the same time this contrast can be charming and pleasing to the eye. The colour gradient denotes the point of creation, where two entities can produce something new and interesting.

Clear shapes, simple and comprehensible, offer overwhelming possibilities for individual design and combinations. Thus, stillness as well as unpretentiousness find a frame, loud enough to be present. In that sense, the paintings are often more about the ’how’ and less about the ’what’.

The Paintings emerge in parallel. Phases when artistic decisions are made in rapid succession alternate with phases of detailed execution of the flexible sequence of actions which is prepared beforehand. These phases are — just as the paintings themselves — characterised by variation (movement, change, deviation) but also by repetition and the resulting stability and calm.

Text: Axel Winter Translation: Martina Weitsch